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STERN: „Unicheck“ und die lieben Lobbyisten

Juli 13, 2007

Matthias Lauerer beschäftigt sich in einem STERN-Artikel mit der Plattform Unicheck.de, der verlogenen Pro Studiengebühren- Propaganda der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM):

Doch hinter der harmlosen Seite steckt eine der mächtigsten deutschen Lobby-Gruppen, die sich seit Jahren für Studiengebühren einsetzt: Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, kurz INSM. Sie betreibt ihren massiven Feldzug für den Umbau des deutschen Sozialstaates.

Das ist zwar weitgehend zutreffend, jedoch vergißt Lauerer zu erwähnen, dass dieser Umbau in der Regel immer nur den Abbau des deutschen Sozialstaates zugunsten von Konzepten der privaten Vorsorge meint, welche vor allem die Arbeitgeber entlasten und die Lasten der sozialen Sicherung alleine den Arbeitnehmern aufbürden soll.

Weiter heißt es in den Artikel:

Mächtige Geldgeber
Gegründet wurde die Lobby-Vereinigung im Jahr 2000 im Auftrag des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Bis zum Jahr 2010 will der Verband jährlich 8,8 Millionen Euro in die INSM stecken. So kommt bis 2010 die stattliche Summe von 88 Millionen Euro zusammen.

Diese Darstellung ist zumindest ungenau, denn es sind 10 Millionen Euro pro Jahr, die Gesamtmetall in die INSM pumpt. Die Summe von 8,8 Millionen Euro bleibt nach Steuern übrig. Tut der Saftladen INSM wenigstens auch etwas für den Staat 😉

Auch den Nazi-Slogan der INSM „Sozial ist, was Arbeit schafft“ , der danach von Politikern fast aller Parteien nachgeplappert wurde, greift der Artikel auf:

Als äußerst prekär entpuppt sich der INSM-Slogan: „Sozial ist, was Arbeit schafft“. Er ist eine leichte Abwandlung eines Werbespruchs, den Medien-Mogul Alfred Hugenberg 1933 in Zeitungsannoncen drucken ließ. Hugenberg warb damals mit den Worten: „Sozial ist, wer Arbeit schafft“ für seine Deutschnationale Volkspartei (DNVP). Pikant: Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) bezeichnete Hugenberg im März 2005 „als Wegbereiter der nationalsozialistischen Herrschaft“. Da wundert es auch nicht weiter, dass die studentischen Macher von „Unicheck.de“ INSM als einen ihrer Geldgeber bei Bedarf geheim halten.

Es gibt keine studentischen Macher bei Unicheck. Die Site wurde wahrscheinlich im Auftrag der INSM von einem Dienstleister entwickelt, z.B. von Aperto, die auch sonst alle Websites der INSM und deren Web-Satelliten bzw. Micropages, beispielsweise zum Thema Gesundheit, erstellen. Lediglich in der Redaktion von Unicheck sitzen ein paar billige und willige Studenten, die sich offenbar nicht dafür zu schade sind, der gesamten Studentenschaft in den Rücken zu fallen – vielleicht BWL-Studenten? Denen wird ja schon seit jeher ein besonders zwangloses Verhältnis zur Käuflichkeit nachgesagt, denn es ist praktisch ihr Studien- und Lebensinhalt, sich zu prostituieren verkaufen.

Der STERN-Artikel erwähnt auch die alberne Zungen-Glosse, die wahrscheinlich irgendein studentischer Unicheck-Käufling unter dem Einfluß großer Mengen bewußtseinsverändernder Substanzen geschrieben hat:

Stil und Inhalt der Glosse rücken die Kompetenz von „Unicheck.de“ als inoffizielle Kontrollinstanz in ein fragwürdiges Licht.

Das ist in der Tat sehr diplomatisch ausgedrückt. Ich hätte einfach danach gefragt, ob die Drogenfahnundung in der Unicheck- Redaktion wohl fündig werden könnte :mrgreen:

Ein Sprecher der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen erklärt, warum sie nach 2 Monaten Kooperation bei Unicheck ausgestiegen ist:

„Wir haben sehr viel harsche Kritik aus der Öffentlichkeit einstecken müssen und haben dann einen Rückzieher gemacht. Denn wir wollten uns nicht mit einer Sache gemein machen, die auf vielen Seiten so auf Kritik stößt.“

Schon dumm, dass die Verantwortlichen bei der Verbraucherzentrale Nordrhein- Westfalen sich nicht vorher darüber informiert haben, mit wem sie da kooperierten. Das sollte man doch von einer Organisation erwarten können, die zum Wohle der Verbraucher kritisch recherchieren und berichten will, oder?

Nicht zuletzt beleuchtet Lauerer in seinem Artikel die Kooperationen von Unicheck mit der Financial Times Deutschland, Unicum und Guter Rat:

Immerhin räumt „Unicheck-Projektleiter“ Voigt auf Nachfrage wie selbstverständlich den „journalistischen Input“ der Partner-Medien ein. Und sagt weiter: „Natürlich erarbeiten die Redaktionen mit uns gemeinsam verschiedene Artikel, oder stellen uns ihre zur Verfügung, wenn diese passen könnten.“

Gerade die FTD ist ja nicht nur Kooperationspartner von Unicheck, sondern auch ein sogenannter Medien-Partner der INSM. Und diese Medien-Partnerschaften werden dazu genutzt, Pressemeldungen der INSM unrecherchiert und unkommentiert als Artikel zu veröffentlichen, ohne dass die Leser erfahren, wer die INSM ist und welche Ziele sie verfolgt. Da befindet sich die FTD übrigens in guter Gesellschaft mit der WiWo, die ebenfalls eine solche Medien-Partnerschaft mit der INSM unterhält.

Alles in allem liefert Matthias Lauerer für ein Massenmedium wie den STERN einen recht kritischen Artikel über das INSM-Projekt Unicheck und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft als Ganzes ab. Ein paar kleine Details fehlen zwar, siehe oben, aber ich denke, das hätte den Rahmen des Themas „Unicheck“ wahrscheinlich gesprengt. Dennoch ein durchaus lesenwerter Artikel!

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